Deutsches Hämapherese Zentrum


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Rheohämapherese

Die Rheologie erforscht das Verformungs- und Fließverhalten von Stoffen oder Materialien. In der Medizin sind rheologische Behandlungen darauf ausgerichtet, die sich aus dieser Forschung ableitenden Erkenntnisse zur praktischen Anwendung beim Patienten zu bringen d.h. die Fließeigenschaften des Blutes und damit die Organdurchblutung zur Therapie von Krankheiten vornehmlich von Erkrankungen der Mikrozirkulation zu verbessern. Erkrankungen der Mikrozirkulation sind durch eine Verschlechterung bis zum Stop der Durchblutung der feinsten Haargefäße (Kapillaren) in den Organen (z.B. bei der Zuckerkrankheit aber auch anderen Erkrankungen) gekennzeichnet. Für die Behandlung derartiger Minderdurchblutungen werden Medikamente, ( wie z.B. Pentoxifyllin, Buflomedil und Flunarizin), der Aderlaß (hypovolämische Hämo-dilution) die Behandlung mit Infusionen (hypervolämische Hämodilution) und die Kombination aus Aderlass und Plasmaersatz (isovolämische Hämodilution) eingesetzt. Sowohl die Blutverdünnung (Hämodilution) als auch die medikamentöse Therapie sowie begleitende diätetische Maßnahmen (z.B. Senkung des Chole-sterinspiegels im Serum) und körperliches Training (Aktivierung der vasomotorischen Reserve) sind in ihren Möglichkeiten bei ausgeprägten Krankheitsverläufen begrenzt und auch unter rheologischen Aspekten nur begrenzt wirksam.


Anfangs wurden extrakorporale Hämorheotherapien nur bei sog. klassischen Hyperviskositätssyndromen (Polycythämia vera, Morbus Waldenström, akute myeloische Leukämie, etc. benutzt. Diese Errkrankungen sind durch eine exzessive Erhöhung von Blutzellen oder Bluteiweißen gekennzeichnet.


Für andere, nicht zu dieser Gruppe gehörigen Erkrankungen wurde die extrakorporale Hämorheotherapie wurde erstmals von dem japanischen Forscher Agishi, leider nur an 3 Patienten, mit einem Filtrationsver-fahren angewendet, aber nicht weiter verfolgt. Sie wurde später an der Universität Graz vorübergehend unter Einsatz eines Fällungsverfahrens - ebenfalls nur an relativ wenigen Patienten - eingesetzt. Es ist das Verdienst von Prof. Schuff-Werner nachfolgend den Stellwert dieses Fällungsverfahrens untersucht zu haben. Zum breiten klinischen Einsatz ist die extrakorporale Hämorheotherapie jedoch erst durch die Arbeit der Hämapherese an der Universität Köln (Prof. Borberg) gekommen, der in Zusammenarbeit mit der Universitätsaugenklinik Köln systematische Vergleiche und technische Optimierungen in langjähriger Forschungsarbeit durchgeführt hat. Diese Ergebnisse wurden inzwischen von Industriefirmen übernommen und in reichlichem Maße abgekupfert.


Der Stellenwert der extrakorporalen Hämorheotherapie liegt darin, daß sie die Fließeigenschaften des Blutes wesentlich deutlicher, d.h. mindestens um den Faktor 5 - 6 mal stärker als konventionelle Hämodilu-tionstechniken verbessert. Die am häufigsten verwendete herkömmliche Rheotherapie, Die isovolämische Hämodilution hat den Nachteil, daß ihre rheologische Wirkung an die Verweildauer der Plasmaersatzlösung gebunden ist.


Die extrakorporale Hämorheotherapie benutzt, entgegen anderslautenden Darstellungen, unterschiedliche Verfahren, wie die Fällungstechnik (Präzipitation mit Heparin), verschiedene Adsorptions- und unterschiedliche Filtrationstechniken, die heute mit verschiedenen Namen (aber alle überteuert) angeboten werden. Die Filtration ist als Rheohämapherse das modernste, medizinisch optimale, technisch beste und kostengünstigste Verfahren (Borberg & Brunner 1997). Es besteht in der Verminderung hochmolekularer Bestandteile der Blutflüssigkeit (Plasma), von denen die Blutviskosität entscheidend bestimmt wird. Die Behandlung erfolgt direkt am Patienten. Das Blut wird von einer Unterarmvene zur anderen geführt und aus technischen Gründen unvermeidbar, vorübergehend ungerinnbar gemacht. Parallel zur Abtrennung der Blutzellen, die man technisch zweckmäßiger mit bestimmten Spezialzentrifugen statt mit Filtern durchgeführt, wird die Blutflüssigkeit außerhalb des Körpers (extrakorporal) durch entsprechende Filter geleitet, mit denen die Menge großer Moleküle wie Fibrinogen, LDL-Cholesterin, Alpha-2-Makroglobulin und Imunglobulin M reduziert wird. Der Sinn dieses Vorgehens ist wissenschaftlich durch verschiedene physikalische Gesetze aber auch vielfältige Untersuchungen belegt. Der Umfang der Elimination kann gesteuert werden. Nach der Verminderung erreichen einige Plasmabestandteile wieder relativ schnell ihren Ausgangswert (Fibrinogen innerhalb von 3-5 Tagen), während andere deutlich länger benötigen (Alpha-2-Makroglobulin nach 22-24 Tagen)(Borberg & Brunner 1997), so dass zumindest am Anfang 2 Behandlungen innerhalb eine Woche sinnvoll sind. Die Abstände zwischen zwei Therapien betragen anfangs 3-4 Wochen Später können die Intervalle zwischen den einzelnen Behandlungen den individuellen Notwendigkeiten des Patienten angepasst werden.


Hämorheotherapien sind außer bei klassischen Hyperviskositätssyndromen (Polycythämia vera, Morbus Waldenström, akute myeloi-sche Leukämie, etc.) und bei der familiären Hypercholesterinämie heute auch bei einer Anzahl von Mikro- und Makrozirkulationsstörungen indiziert. Zahlreiche randomisierte, doppelblinde und Placebo kontrollierte Studien haben die Wirksamkeit nicht nur der Rheohämapherese bei der trockenen altersabhängigen Makuladegeneration nachgewiesen (Brunner et al. 2000, Pulido et al. 2002). Die Makula ist der zentrale Teil der Netzhaut des Auges mit den meisten Sinneszellen, wodurch scharfes Sehen in der Nähe und im Fernen möglich wird. Bei der altersabhängigen Makuladegeneration verschlechtert sich die Sehfähigkeit deutlich. Auch bei anderen Patientenpopulationen gibt es positive Erfahrungen mit der Rheohämapherese, darunter Sehverschlechterung bei Diabetes mellitus (diabetische Retinopathie) (Widder et al. 1999, Lüke et al. 2001), plötzlicher Hörverlust (Valbonesi et al. 2004), Kardiomyopathie im Endstadium (Bosch 2003), pulmonale Hypertonie und Small Vessel Disease (Tauchert & Borberg 2004).


Beim Einsatz von Rheotherapien sollte, zumal bei den heutigen technischen Möglichkeiten vor allem auf das Preis - Leistungsverhältnis, auf die Möglichkeit technischer Alternativen und die Erfahrung geachtet werden. Eine jahrzehntelange Erfahrung mit Rheo - Apheresen ist der beste Garant für eine gute Verträglichkeit.


Quellen:
Beyer J, Kustner E. Rheopheresis in patients with ischemie diabetic foot syndrome: results of an open label prospevctive pilot trial. Ther Apher Dial 2003;7(4):444-55.
Borberg H, Brunner R, Tauchert M, Widder RA. The current state of extracorporeal haemorheotherapy: from haemodilution via cascadefiltration to rheohaemapheresis. Transfus Apheresis Sci 2001;24(1):57-64
Borberg H, Brunner R. Der derzeitige Stand der extrakorporalen Hämorheotherapie. Med Welt 1997;48:377-81.
Bosch T. Recent advances in therapeutic apheresis. J Artif Organs 2003;6(1):57-8. Brunner R, Widder RA, Walter P, Lüke C, Godehardt E, Bartz-Schmidt KU, Heiman K, Borberg H. Influence of membrane differen-tial filtration on the natural course of age-related macular degeneration: a randomized trial. Retina 2000;20(5):483-91.
Lüke C, Widder RA, Soudavar F, Walter P, Brunner R, Borberg H. Improvement of macular function by membrane differential filtration in diabetic retinopathy. J Clin Apheresis 2001;16(1):23-8.
Pulido JS. Multicenter Investigation of Rheopheresis for AMD (MIRA-1) Studiy Rheopheresis to treat nonxudative age-related macular degeneration: interim analysis. Trans Am Ophthalmol Soc 2002;100:85-106.
Tauchert M, Borberg H. Persönliche Mitteilung, 2004.
Valbonesi M, Mora F, Mora R, Carlier P. Rheopheresis für sudden hearing loss (SHL). Int J Artif Organs 2004;27(9): 806-9.
Widder Ra, Brunner R, Walter P, Lüke C, Bartz-Schmidt KU, Heimann K, Borberg H. Improvement of visual acuity in patients suffering from diabetic retinopathy after membrane differential filtration: a pilot study. Transfus Sci 1999;21(3):201-6.