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Erythrozytapherese bei Hämochromatose
Die Hämochromatose ist eine der häufigsten erblichen Stoffwechselstörungen. Allein in Deutschland leben rund ¼ Mio. Menschen, die die Anlage von beiden Elternteilen erhalten haben (Homozygotie). Jede dieser Personen wird unbehandelt im Laufe ihres Lebens an den Folgen der Hämochromatose erkranken. Welche Symptome kennzeichnen die Krankheit? Welche Ursache hat die Erkrankung? Die Hämochromatose beruht in den meisten Fällen auf einem Defekt eines Gens (Teil der Erbmasse), dem 1996 entdeckten Hämochromatose-Gen HFE. Dieser Defekt führt zu einer erhöhten Eisenaufnahme im oberen Dünndarm. Da der Körper über keine Möglichkeit verfügt im Übermaß aufgenommenes Eisen wieder auszuscheiden, wird das überschüssige Eisen in bestimmten Organen abgelagert und führt dort zur Organschädigung. Wie ist der Verlauf (Krankheitserscheinungen)? Patienten mit fortgeschrittener Hämochromatose stellen sich üblicherweise mit Müdigkeit, Impotenz bzw. Amenorrhoe (ausbleibender Menstruation), Gelenkschmerzen, Oberbauchschmerzen oder Symptomen eines Diabetes mellitus (Gewichtsverlust, vermehrte Harnausscheidung) vor, bei Männern in der Regel zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr, bei Frauen nach den Wechseljahren. Der spätere Beginn der symptomatischen Erkrankung bei Frauen wird vor allem einem höheren Eisenbedarf (durch Menstruation, Schwangerschaft, Stillen) zugeschrieben. In der Leber entwickelt sich mit zunehmender Eisenablagerung allmählich eine Bindegewebsvermehrung und später eine Leberzirrhose (Schrumpfleber). Die Entstehung eines Leberzellkrebses wird bei etwa 30% der Patienten mit einer Schrumpfleber nach 20 bis 30 Jahren beobachtet, u.U. auch noch nach Entfernung des überschüssigen Eisens durch die Aderlaßtherapie. Die häufig auftretende Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) ist in erster Linie durch die Ablagerung von Eisen in der Bauchspeicheldrüse bedingt. Die dunkle Verfärbung der Haut, ein typisches Zeichen der fortgeschrittenen Erkrankung, ist vor allem auf eine vermehrte Produktion des Hautfarbstoffes Melanin zurückzuführen. Sie findet sich besonders ausgeprägt an Stellen, die dem Sonnenlicht ausgesetzt sind, sowie Brustwarzen, Damm, Handinnenflächen und Narben. Die Ursache von Impotenz bei Männern und Amenorrhoe bei Frauen wird wohl durch Eiseneinlagerungen der Hirnanhangsdrüse verursacht. Eine Herzmuskelerkrankung durch Eiseneinlagerung ins Herzmuskelgewebe wird bei etwa 15% der Patienten beobachtet. Bei einem 1/4 der Patienten entwickelt sich eine Gelenkerkrankung (Arthropathie), unabhängig davon, wie weit andere Organe bereits geschädigt sind. Die kleinen Gelenke der Hand sind häufig als erste betroffen. Im weiteren Verlauf kann eine fortschreitende Gelenkerkrankung mit Befall der Hand-, Hüft- und Kniegelenke auftreten. Wie wird die Hämochromatose diagnostiziert? 1. Transferrinsättigung erhöht (Normwert > 16 - 45 %) 2. Serumferritin erhöht (Serumeisen Normwert 30 - 400 µg/l) 1. C282 Y - Mutation 2. H630 - Mutation Die Möglichkeit einer genetischen Testung hat das diagnostische Vorgehen bei der Hämochromatose entscheidend verändert. Besteht aufgrund der Laborbefunde der Verdacht auf das Vorliegen einer Hämochromatose, so sollte ein Gentest durchgeführt werden. Erst wenn dieser die Eisenüberladung nicht erklärt oder wenn sich Hinweise für einen Leberschaden finden, ist eine Leberbiopsie notwendig. Mit Hilfe der Biopsie können sowohl Sonderformen der Hämochromatose (anderer genetischer Defekt), andere ursächliche Blutbildungsstörungen als auch Lebererkrankungen, die mit Erhöhungen des Serumferritins einhergehen, erkannt werden. Die sichere Diagnose einer Leberzirrhose ist insofern von Bedeutung, als diese mit einem erhöhten Tumorrisiko verbunden ist, was regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen erforderlich macht. Bei Hämochromatosepatienten mit typischem Gendefekt sollte eine Familienuntersuchung erfolgen. Dabei sollte zunächst bei allen Verwandten ersten Grades ein Gentest durchgeführt werden. Wie läßt sich die Hämochromatose behandeln? Das im Überschuß aufgenommene Eisen befindet sich zunächst in den roten Blutzellen (Erythrozyten). Über Blutspenden (Aderlaßtherapie) kann hier Abhilfe geschaffen werden. Da die Diagnose der Hämochromatose oft eher spät gestellt wird, zielt die Behandlung natürlich auch auf die Entleerung der Eisenspeicher. Unter der Behandlung bessern sich die verschiedenen Symptome der Erkrankung in unterschiedlichem Ausmaß. Früher erfolgte diese mittels Aderlaß, heute in der effektiveren Form mittels Apheresetherapie. Bis zur Entspeicherung der Eisendepots vergingen früher unter der Aderlaßtherapie bei einer fortgeschrittenen Hämochromatose etwa eineinhalb Jahre. Mit den effektiverem Aphereseverfahren kann das heute schneller erreicht werden. Die Therapie wird mit einer Häufigkeit fortgesetzt, bis der Serumferritinwert unter 50 µg/l abfällt. Aufgrund der genetisch bedingten Erhöhung der Eisenresorption darf die Aderlaßtherapie jedoch niemals vollständig abgebrochen werden. Zur Aufrechterhaltung einer ausgeglichenen Körpereisenbilanz genügen mehrere, individuell angepaßte Behandlungen pro Jahr. Im Unterschied zum Aderlaß können bei der Apherese mehr Erythrozyten pro Behandlungstermin entnommen werden und somit kann die Häufigkeit der Behandlungen (Aderlässe) deutlich reduziert werden. Die übrigen Blutbestandteile wie Plasma, Leukozyten und Thrombozyten werden dem Patienten zurückgegeben. Auf Grund der höheren Entnahmemenge von Erythrozyten pro Behandlung sinken die Ferritinwerte beim Patienten wesentlich schneller ab, als bei einer Aderlaßbehandlung. Die Übernahme der Kosten dieser Behandlungsform durch die Krankenkassen ist noch nicht endgültig geklärt. Bisher muß für jeden einzelnen Patienten ein separater Antrag bei der zuständigen Krankenkasse gestellt werden. Eine Behandlung mit dem Medikament Deferoxamin (Desferal®) erfolgt nur, wenn eine Anämie (Blutarmut) oder eine fortgeschrittene Kardiomyopathie besteht. Die Substanz bindet Eisen im Serum und Gewebe und wird über Galle und Urin ausgeschieden. Aufgrund der kurzen biologischen Halbwertszeit von nur 5 bis 10 Minuten wird das Medikament mit Hilfe eines tragbaren Infusionssystems als Dauerinfusion in das Unterhautgewebe über 12 bis 24 Stunden pro Tag kontinuierlich (5 bis 7 Tage pro Woche) verabreicht. Unter der Therapie, insbesondere bei hohen Dosierungen, können gelegentlich Seh- und Hörstörungen auftreten. Insgesamt ist die Behandlung mit Deferoxamin weniger wirksam, nebenwirkungsreicher und aufwendiger als die Aderlaßtherapie. Ab November 2005 wird voraussichtlich ein Medikament (Eisenchelator) als Tablette für sekundäre (nicht erbliche) Formen der Hämochromatose zugelassen. Die Entstehung einer Schrumpfleber (Leberzirrhose) sollte unbedingt vermieden werden, da sie letztendlich eine Lebertransplantation nach sich zieht. Wie sind die Behandlungsaussichten? Unbehandelt führt die Erkrankung unweigerlich zum Tod. Wird hingegen rechtzeitig, d.h. vor Beginn eines Organbefalls eine Aderlaßtherapie begonnen, so resultiert eine normale Lebenserwartung. Ausmaß der Eisenüberladung und Zeitpunkt des Beginns einer Aderlaßtherapie zeigen einen deutlichen Einfluß auf Prognose und Auftreten von Komplikationen der Hämochromatose. Diese Beobachtungen unterstreichen die Bedeutung einer frühen Diagnose und konsequenten Therapie bei der Hämochromatose. Die häufigsten Symptome vor und nach Aderlaßtherapie:
Zusammenfassung Die Hämochromatose zählt mit einer Häufigkeit von 1:400 bis 1:200 zu den häufigsten Erbkrankheiten. Sie ist charakterisiert durch eine ausgeprägte Eisenüberladung des Organismus, hervorgerufen durch eine vermehrte Eisenaufnahme im oberen Dünndarm. Das überschüssige Eisen wird in verschiedenen Organen abgelagert, insbesondere in Leber, Bauchspeicheldrüse, Herzmuskel, Gelenken und Hirnanhangsdrüse. Diese Organverteilung bestimmt das Bild der Hämochromatose, das durch Hepatomegalie (vergrößerte Leber), Leberzirrhose mit erhöhtem Risiko für die Ausbildung eines Leberzellkarzinoms, Diabetes mellitus, Herzmuskelschwäche, Gelenkerkrankung, Impotenz bzw. Amenorrhoe sowie eine dunkle Hautpigmentierung ("Bronzediabetes") gekennzeichnet ist. Die Diagnostik beinhaltet die Bestimmung der Laborwerte Ferritin und Transferrinsättigung, den Gentest und in bestimmten Fällen die Leberbiopsie. Therapie der Wahl ist die Aderlaßbehandlung, nur bei Vorliegen von Gegenanzeigen die Behandlung mit dem Medikament Deferoxamin. Die Einleitung einer konsequent durchgeführten Aderlaßbehandlung vor dem Auftreten eines Diabetes mellitus und einer Leberzirrhose resultiert in einer normalen Lebenserwartung. |